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    Gun Love

    Wenn man sich auf ein Review vorbereitet schnüffelt man dank Googles endloser Zärtlichkeit doch weit und viel mehr noch und weiter, tiefer, netziger, wie es wohl die Anderen aufbereitet. Einerseits will mannfrau sich nicht wiederholen, noch mehr Nachrichtenagenturencopycalling betreiben, aber auch nicht allzu sehr über ursprüngliches Ziel hinaus wanken.

    Reviews sollten wohl im besten Case möglichst viel von all den möglichen Aspekten haben, von Neugier erzeugend bis weshalb, warum, welche Meinung gebildete Fakten und dazu noch hübsch anzulesen, Nacherzählungen aus 6-8.Klasse Niveau sind und waren nie das mein Königreich. Ich nehme, filtere, speie aus oder veredle, verfalle oder zertrümmere, hier eindeutig Ersteres.

    Der größtenteils in Florida spielende zweite Teil des Roman-Diptychons von


    Jennifer Clement

    ist dafür Pflichtübung wie vergnügliches Schaudern. Es geht hintergründig um den Waffenhandel zwischen den USA und Mexiko, der erste Band heißt „ Gebete für die Vermissten “ und lässt dich im Titel ahnen, welchem Wahn dort nachgespürt.

    Nicht ohne Grund ist doch Florida sowohl bei der Anzahl der Trailer Park Abstellplätze als auch bei den nicht registrierten Schuss Waffen erfolgreiche De Santis Upperclass. Amerika Richtung Süden ist nichts was man entwickelter Westen nennen sollte.

    Gun Love erweist sich in dieses Klima hinein geschrieben als ein Überraschungszeitfresser, viel zu kurz wie sich heraus stellt, so ist auch das unbefriedigende Fragezeichen Ende eine der wenigen Knurrer die er erzeugt.

    Die ganze White Trash Poetry Ballade entwickelt sich trotz friedlichem Trailerpark Childhood Start um die entzückende vierzehnjährige Pearl, Tochter einer etwas aus den Fugen geratenen Magot Mum, teilweise Atem beraubend intensiv, vor allem aber schonungslos offen, schnippisch, zynisch, ironisch und trotz allem liebevoll. Ms. Clement ist Motivation und Empathie anzumerken, die trotz notwendig kritischem Reporting fühlbar schöne Zeilen erschafft.

    Margots größte Angst ist, dass ihr jemand ihre Tochter wegnimmt. Dafür benimmt sie sich spätestens als sie Eli, einem überspitzt gezeichneten Gunman und Waffenschmuggler, zu verfallen beginnt, nur mit bedingter Brillanz.

    Sie hat sich aus guten Gründen zum Cut mit ihrer Familie entschlossen ist aber niemals über diesen nur als kurze Zuflucht gedachten Zwischenhalt des Lebens, zurück und wieder hinaus gekommen.

    Clements poetische Sprachkraft lässt uns das ganze Thema bitterer amerikanischer Realität etwas verträumt erleben, wir tappen in die Selbsttäuschungsfalle der Protagonisten, die sich ebenfalls nichts mehr darüber hinaus denken und erwarten vom Leben.

    „Meine Mutter war immer voller Geburtstagskerzenwünsche“

    sagt Pearl, die schon früh Vergnügen an Zigaretten findet, sich diese durch Diebstahl beschafft. Die Mutter / Tochter Beziehung ist Schlüsselemotion des Romans, wirklich wunderschön verarbeitet, Pearl als Beobachtende und fühlende Jung-Erzählerin ein zauberhafter Kniff.

    Vielleicht ist auch deshalb kaum noch Distanz möglich : Weil wir diese abgründige Welt aus Pearls Perspektive mit erleben, es ist unserer erwachsenes Ich, das eingreifen möchte, verärgert und manchmal erstaunt. Hilfsbereit.

    Alligatoren Jagd als seltenes bizarres High Light im Einerlei der verwehenden Lebenszeit. Kindheit. Jugend.

    Man kann diese Welt durchaus Eins zu Eins zu den schrullig verbotenen Zonen übersetzen, die sich überall in Europa wie Amerika auftun, absondern, kaum noch Berührung mit dem Bürgerlichen Verständnis von Zukunftsgestaltung und Werte Erhalten besitzen. Eigendynamik der unbeachteten oder unverstandenen Parallelgesellschaften. Gemeindebau.

    Waffen und ihre freizügige Verteilung wie in den States sind dazu natürlich ein zusätzlicher Funke in einem Lager voll Dynamit.

    Dazu stehen Wohnwagenparks als Metaphern für die in Amerika viel konkretere Angst vor Obdachlosigkeit. Magot und Pearl leben gar in einem parkenden Auto. Another Level. In unseren Breiten wäre ein Flüchtlingsroman näher, Moria bietet sich an. Was der Flüchtling erlebt wenn er ankommt, nicht sein Weg dort hin.

    Jedem Kontinent seine Irrsinne.

    Moral verzweifelt, aber die Perspektive von Kindern einzunehmen ist vielleicht jene die unsere toxische Gesellschaft und uns selbst heilen könnte.

    Die Bewohner der Wohnwagen, die sich daran unterscheiden, wer Cola und Pepsi trinkt, entwickeln sich mit der Häufung der vorhandenen Waffen creepy. Waffen sind fast wie ein Virus, eine Psychopathologie. Sie sollen Angst und Schmerz lindern, aber erzeugen Angst und Schmerz.

    Während Margot und Eli sich auf dem Rücksitz des Mercury treffen, kommen die Waffen auch in den verlassenen Wohnwagen, in dem sich Pearl zurück gezogenen hat und ihre Hausaufgaben macht. Ein Depot.

    Waffen sind mehr als dessen religiöse Maske auch Lebensmittelpunkt eines anderen Nachbarn, Pastor Rex, der eine Kampagne „Give Your Guns to God“ betreibt, damit aber auch eine Gruppe von Menschenhändlern beliefert.

    Meine Mutter war eine Tasse Zucker

    Ich mag diesen Satz.

    Als die Tasse Zucker schließlich erschossen wird, ist es natürlich und folgerichtig das Pearl selbst immer mehr in den Waffenhandel hinein gerät.

    Ihre zunehmende Komplizenschaft mit der Gewalt spiegelt Amerikas Unfähigkeit wider, die schwerwiegenden Folgen einer unkontrollierten Verbreitung von Waffen einzugestehen. Clement schreibt dagegen an.

    Ich erspare mir die Aufzählung all der wahnsinnigen Massaker seit dem Erscheinen ihres Buches. Selbst wenn sie nur eines über Reflektion/ Aktion verhindert hat ist alle Ehre mit ihr.

    Wie supercool nicht nur Pearl, der Roman, sondern auch euer Reviewer ist sieht man übrigens daran, das er anstatt eines Amazon Links auf das gleichnamige ARD Hörspiel hinweist. Vielleicht gibt es bessere Interpretationen da draußen, aber alleine das diese frei an zu hören ist very nice.

    At the End of the Story ist alles wie es sein muss, wenn man die Dinge laufen lässt, Happy Ends sind Disney Quatsch, wir sind nicht mehr Beteiligte eines Dilemmas, sondern ähnlich früh erwachsenen geworden wie das taube Verlangen nach einer guten, normalen Zeit auf diesem Planeten, diesem Friedhof der Träume.

    Vielleicht hilft uns Clements Eindringlichkeit etwas inne zu halten und die Abermillionen Pearls, überall, länger als bis zum nächsten Shoppingfrohsinn zu bedenken.

    Wahrscheinlich aber kaum länger als eine Doku über schnüffelnde Kinder in russischen Vorstädten es zuvor schaffte. So sind Bücher, Filme, was auch immer, dieser Qualität Spiegel unserer Egos. Sehnsucht nach Verhüllung folgt schnell.

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